Julia, warum kannst du das?

Regelmäßig werde ich gefragt, warum ich eigentlich selbst so organisiert und strukturiert bin und woher das kommt? Habe ich das gelernt? Wenn ja, wie? Oder konnte ich es einfach schon immer? Ich war also gezwungen mich selbst mit dieser Frage auseinanderzusetzen und muss gestehen, dass es mir gar nicht so leicht gefallen ist.

Grundlegend würde ich mich als Naturtalent bezeichnen. Dann denke ich aber wieder was das für ein überheblicher Quatsch ist und revidiere es. Dann überlege ich weiter und muss zugeben, dass ich wirklich viele der Dinge von klein auf mache oder mir selbst angeeignet habe. Auf jeden Fall kann ich keinen Schlüsselmoment nennen, an dem es „klick“ gemacht hat und plötzlich wurde aus dem Chaos eine Struktur.

Ich hatte schon immer viele Interessen und ich glaube, dass ich ziemlich früh gemerkt habe, dass ich mich strukturieren muss, wenn ich alles unter einen Hut bekommen will. Der Anreiz war also eigentlich der gleiche wie heute. Ich wollte auf nichts verzichten müssen und brauchte daher einen Plan. Und wie so oft, funktioniert mit einer entsprechenden Motivation alles viel leichter.

Mein Hausaufgabenheft war mein erster Terminkalender und ich habe ihn geliebt. Sobald die Schulaufgabentermine feststanden, habe ich alles eingetragen, mit Farben markiert und geplant, was ich wann lernen müsste, damit es nicht in Stress ausartet. War ich ein Streber? Wahrscheinlich schon. Mir war auf jeden Fall ziemlich früh klar, dass ich mir ziemlich viel Stress erspare, wenn ich meine Aufgaben nach und nach erledige und nicht bis kurz vor der Prüfung warte und dann vor einem riesigen Berg an Stoff sitze. Ich habe mir Deadlines gesetzt und den Lernstoff so runter gebrochen, dass ich Tag für Tag kleine Einheiten hatte. Sprich ich habe genau das praktiziert, was ich auch heute tue und weitergebe.

Mich hat dazu niemand gezwungen und es hat mir auch niemand gezeigt, ich habe es einfach gerne gemacht. Pläne und Listen waren für mich schon in der Schule etwas was mir Spaß gemacht hat. Und mir wurde von klein auf viel zugetraut, was sicherlich auch seinen Teil dazu beigetragen hat. Ich war etwa 10 Jahre alt, als meine Ballettlehrerin bei einem Auftritt nicht dabei sein konnte und mir die Leitung übergeben hatte. So kümmerte ich mich darum, dass die Kostüme in der Umkleide hingen, die Kassette zum richtigen Lied gespult war und der Kassettenordner bereitstand. Es war kein Auftritt mit dem russischen Staatsballett, aber für eine 10-Jährige doch eine große Nummer. Mit 14 übernahm ich zum ersten Mal den Kassenabschluss im Laden meiner Eltern. Jedes Jahr im Januar waren sie für eine Woche auf Fortbildung und dann erledigte ich die Kasse am Abend, kümmerte mich darum, dass die Fotoaufträge abgeholt und geliefert wurde und war eine Woche für mich selbst verantwortlich. Und ich habe es geliebt. Aber ja, mir wurde viel zu getraut und das hat mich sicherlich auch bestärkt mein Ding weiter zu machen.

Was mit definitiv von meinen Eltern mitgegeben wurde war das Pflichtbewusstsein. Meine Eltern gingen zu jeder Wahl, engagierten sich in der Stadt, unterstützen Freunde und „blau machen“ war etwas, das es im Leben zweier Selbständiger nicht gab. Auch ein gesunder und verantwortungsvoller Umgang mit Geld wurde mir von meinen Eltern vorgelebt. Man kauft sich erst etwas, wenn man das Geld dafür hat. Man überlegt vor dem Kauf, ob man es wirklich braucht und macht sich bewusst, wie lange man dafür gearbeitet hat.

So ging ich also mit einer soliden Basis an Struktur und Organisation in die Ausbildung zur Hotelfachfrau. Meine Leidenschaft zu Listen konnte ich dort voll und ganz ausleben, gab es ja für gefühlt alles eine entsprechende Liste, die ausgefüllt oder abgehakt werden wollte. Big Listen Love! Eine meiner Lieblingslisten war dann aber doch die, auf der ich die Tage ab meiner Kündigung, bis zum letzten Arbeitstag zählte.

Mein komplettes bisheriges Arbeitsleben über wurde ich darin bestärkt, dass ich mir das Leben mit Listen leichter mache und so ging ich meiner Leidenschaft auch weiterhin nach. Und es war bei meinen Jobs auch einfach eine zwingende Voraussetzung, was aber am Ende des Tages oft dazu führte, dass ich nicht für meine effiziente Arbeit gelobt wurde, sondern immer mehr Aufgaben auf dem Tisch hatte, weil ich ja so zügig damit durch kam. Es war also nur bedingt ein Vorteil strukturierter zu sein als die Kollegen.

Als der Wunsch nach einem Ausbrechen aus dem Angestelltendasein immer größer wurde, kamen dann diverse Bücher ins Spiel und zusätzliche Methoden in mein Leben. Eine Morgenroutine, Ziele langfristig, mittelfristig, kurzfristig setzen, Visualisieren. Diese Dinge wurden mit erst nach und nach bewusst und ich probierte verschiedene Varianten aus, bis ich meine optimale Lösung gefunden hatte.

Lange Rede kurzer Sinn. Einen Großteil habe ich wahrscheinlich wirklich in die Wiege gelegt bekommen, viel habe ich mir selbst angeeignet, bei anderen Punkten wurde ich von meinen Eltern und meiner Arbeit geprägt und das i-Tüpfelchen kam durch Trainings und Ratgeber dazu.

Sicherlich fällt das Thema manchen Leuten leichter als anderen, aber ich bin davon überzeugt, dass es für jeden einen Weg gibt. Man muss nur bereit sein, möglichst unvoreingenommen an die Thematik heranzugehen und verschieden Optionen zu testen, bis man den für sich idealen Weg gefunden hat. Und wenn ich diesen Weg durch meine Trainings mitgestalten und beeinflussen kann, wäre ich der glücklichste Listen-Streber den ihr euch vorstellen könnt.

 

Foto unsplash

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